Kurs: Basiswissen für Selbstständige

1.5.1 Anforderungsprofil

Wir verzichten bewusst auf die Aufzählung notwendiger und sicher auch ehrenwerter charakterlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten, über die ein Gründer verfügen sollte. Die Vielfalt unterschiedlichster Unternehmerpersönlichkeiten macht es ohnehin nahezu unmöglich, hier invariante Merkmale herauszuarbeiten. Immer wieder gab es Versuche in der Geschichte durch statistische Methoden des Vergleichs erfolgreicher Unternehmer, „den Unternehmertyp“ zu bestimmen. Wir wollen dieser Versuchung widerstehen.

Was wir mit den nachfolgenden Überlegungen beabsichtigen, ist lediglich eine Anregung zu geben zum „Mindestmaß“ unternehmerischer Qualifikationen.

  1. Fähigkeit als Generalist
  2. Das Anforderungsprofil an einen Gründer, und das gilt nicht nur für einen Einzelunternehmer, ist in hohem Maß geprägt von der Vielseitigkeit der erforderlichen Fähigkeiten und Kompetenzen. Obwohl wir seit tausenden von Jahren die Vorzüge der Arbeitsteilung genießen, stellt der Gründer die Geschichte nahezu auf den Kopf. Er ist in der Regel Chef, Sekretärin, Lagerarbeiter, Buchhalter, Außendienstler, Kraftfahrer, Werbefachmann, Justitiar, Produktionsarbeiter oder Dienstleister in einer Person. Trotz der wachsenden Möglichkeiten andere Dienstleistungen einzukaufen und so durch Outsourcing die eigene Kernkompetenz zu stärken, gibt es eine natürliche Schallmauer.

    Das unterscheidet den Existenzgründer von einer herkömmlichen Führungskraft, die sich der Vorzüge einer Arbeitsteilung erfreuen kann. Untersuchungen haben ergeben, dass die wechselnden Anforderungen an den Gründer mit keiner anderen Berufsgruppe vergleichbar sind. Da die Tätigkeiten kaum normierbar sind, ist eine Vorbereitung auf die neuartigen Herausforderungen für den bisher im Angestelltenverhältnis Tätigen äußerst anspruchsvoll. Mit einer linearen Fortsetzung bisheriger Tätigkeiten ist es in der überwiegenden Anzahl der Gründungen nicht getan. In der Regel muss über 50% hinzu gelernt werden, damit der ehemals „angestellte Spezialist“ sich als Generalist behaupten kann.

  3. Bereitschaft zur Verantwortung
  4. Existenz kommt vom lateinischen Wort „existere“ und bedeutet so viel, wie hervortreten. Das heißt die Gründung einer selbständigen Existenz hat immer auch etwas mit der Bereitschaft zu tun, Verantwortung zu übernehmen. Das wiederum ist nicht jedermanns Sache, wie wir wissen.

    Was heißt Verantwortung zu übernehmen

    Verantwortung“ ist  ein historisch zunächst nur in unmittelbarer Beziehung zur Rechtssprache stehender Begriff. (Vertiefung: geschichtliche Herkunft des Begriffs „Verantwortung“) Heute ist der Gebrauch des Begriffes um soziale und moralische Dimensionen erweitert.
    Drei Aspekte sollen hervorgehoben werden, um die Relevanz für die Gründerpersönlichkeit zu unterstreichen:

    Erstens:

      Verantwortung bedeutet, für die Folgen eigenen Handelns „gerade zu stehen“. Damit kommt es auf ein Vorausdenken an. Man muss sich der Konsequenzen seines Verhaltens bewusst sein. Das erfordert Sachkenntnis über die Zusammenhänge der realen Welt. In einer hoch komplexen, schwer durchschaubaren Welt wird die Folgeabschätzung eigener Handlungen immer notwendiger aber zugleich auch schwieriger. Die Last der Verantwortung nimmt zu.

    Zweitens:

      Verantwortung zielt in der Regel immer auf eine bestimmte Öffentlichkeit. Der Unternehmer ist eben „hervorgetreten“ aus der Masse der Angestellten, hat sich „den Hut“ aufgesetzt und muss sich nun in der Öffentlichkeit messen lassen. Das Handeln wird gemessen an rechtlichen Grundsätzen, an öffentlichen Normen oder eben nur am eigenen Gewissen. Es findet ein Abgleich statt zwischen dem Erreichten und dem öffentlich Erklärtem oder Gewollten. Das kann z.B. erfolgen durch das richterliche Urteil, die Reaktion der Medien oder die Kritik der Mitarbeiter. In jedem Fall ist die Übernahme von Verantwortung aber reflexiv, das heißt, wenn sich der Unternehmer schon nicht öffentlich verantworten muss, so doch immer vor seinem eigenen Gewissen.

    Drittens:

      Die Wahrnehmung von Verantwortung impliziert immer die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Handlungsweisen wählen zu können. Wenn der Unternehmer keine Einflussmöglichkeit besitzt, ist verantwortliches Handeln nicht möglich. Verantwortliches Handeln kann sich nur auf Dinge, Sachen oder Personen beziehen, über die der Handelnde Verfügungsgewalt hat. Die aber hat sich beim Unternehmer gegenüber dem Angestelltenverhältnis, beträchtlich erhöht. Hierin begründet sich „die Last“ der Verantwortung für den Unternehmer. Sie müssen täglich allein entscheiden. Damit ist auf eine weitere, für die Unternehmerpersönlichkeit sehr wichtigen Fähigkeit verwiesen, nämlich entscheiden zu wollen und zu können.

  5. Bereitschaft zu entscheiden
  6. Entscheiden ist ein anstrengender Prozess. Klug zu entscheiden, bedeutet Inhalte aus dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis und bewusste Verstandestätigkeit miteinander zu koordinieren.

    Was passiert eigentlich im Prozess des Entscheidens

    Zunächst nimmt der Mensch eine Bewertung verschiedener Handlungsoptionen vor. Hierbei geht es um ein „Durchscannen“ bereits vorliegender emotionaler Erfahrungen und ein Abgleichen mit ähnlichen, bereits vorliegenden  Entscheidungsmustern emotionaler Erfahrungen. Erst danach tritt das kalkulierte „Rechnen“ des wachen Verstandes ein und bewertet die Handlungsoption nach den Vor- und Nachteilen. Das unbewusste Körperbewusstsein wird häufig als emotionale Landkarte in unserem Körper bezeichnet

    (Vertiefung: Landkarten im Gehirn)

    In verschiedenen Tests konnte immer wieder nachgewiesen werden, dass die erste „Bauchentscheidung“ die bessere war. Und doch gibt es bestimmte Regeln, die uns helfen, Entscheidungen zu treffen.

    (Vertiefung: Regeln richtigen Entscheidens)

    Ein Patentrezept gibt es allerdings nicht. Jeder Berater, der dem Gründer dies glauben machen möchte, ist entweder lebensfremd oder unseriös. Wer deshalb allerdings vor lauter Sorge um falsche Entscheidungen gar keine Entscheidung trifft, macht definitiv zumeist den noch größeren Fehler. Das Schwierige an Entscheidungsprozessen ist in der Regel die Begrenztheit der Information, fehlende Zeit der Prüfung oder einfach der Mangel an analogen Erfahrungssituationen.

    (Vertiefung: Emotionen und Entscheidungsprozesse)

    In jedem Fall aber ist es die Unvorhersehbarkeit der Konsequenzen. Das wiederum macht aber auch den Reiz und die eigentliche Herausforderung der Selbständigkeit aus. Wer das nicht aushält, ist schwerlich zum selbständigen Unternehmer geboren.

    (Vertiefung: Clausewitz über Entscheidungen) 

  7. Bereitschaft zum Verkaufen
  8. So trivial es klingen mag, ein Existenzgründer muss die unbedingte Bereitschaft mitbringen, verkaufen zu wollen. Wem der Kontakt mit den Kunden, das Anbieten von Waren oder Dienstleistungen missfällt, der sollte lieber Abstand nehmen von einer Gründung. Wie tief die Vorbehalte in breiten Kreisen der Bevölkerung verankert sind, zeigt die Stabilität des abwertenden Urteils bloß nicht „Klinken zu putzen“. Diesem Wunsch entsprechend sollten sich Waren „von allein“ verkaufen. Fürwahr ein Traum aller Unternehmer. Im besten Fall ein schöner Traum, zumeist jedoch ein gefährlicher Irrtum. Verkaufen ist härteste Arbeit. Hier erst vollzieht die Ware ihren Salto mortale und realisiert ihren Wert.

    Dabei ist es nicht kompliziert, die Eigenschaften der Ware zu erläutern. Das verstehen nicht wenige (zumindest die schlechten) Unternehmer unter Verkaufen. Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch darin, auf den Kunden einzugehen, die Verkaufssituation zu analysieren und dem Kunden eine Lösung für sein Problem anbieten zu können. Das schließt auch die Ablehnung durch den Kunden ein. Dieser Herausforderung entziehen sich viele Unternehmer nur zu gerne. Auf 15 Versuche, ein erfolgreicher Kaufabschluss – diese Stresssituation halten viele der Gründer nicht aus. 

  9. Bereitschaft zum Risiko
  10. Es gibt keine risikolose Unternehmung.

    Häufig wird das Unternehmertum generell mit dem französischen Wort  „entrepeneur“ bezeichnet. Bezeichnenderweise kommt dieses französische Wort aus der Militärgeschichte und bezeichnete das Aufklärungskommando eines kleinen Spähtrupps. Hier war also das Risiko von Anfang an vorgezeichnet. Um aber im Bild zu bleiben, ist damit auch klar, dass wenn man nichts tut, also nicht die Lage aufklärt, in der Regel ein noch größeres Risiko besteht.

    Welche persönlichen Kompetenzen erforderlich sind, um dem Druck des Risikos Stand zu halten, geht aus der Bestimmung dessen hervor, was wir unter 1.4.1 zum Verständnis von Sicherheit gesagt haben. Es geht um die Erweiterung von Handlungsspielräumen, um das Erkennen und Wahrnehmen von Chancen und um die Beurteilung der Wahrscheinlichkeit des Eintretens bestimmter Ereignisse. Wer diesen Cocktail von Fähigkeiten nicht meistert, der wird es als Unternehmer schwer haben.