Kapitel

5 Kapitel

Dr. Schneider, der Deutschlehrer stand neben Robert. Der hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte aus dem Fenster.

„Herr Robert Müller,“ fuhr Dr. Schneider ihn an, „ich würde gern wissen, wie sie ihr Abitur schaffen wollen. Sie sind Oberprimaner. Vom Wissenstand gehören sie aber in die Quarta oder Tertia.“

Die Mitschüler lachten glucksend und ein wenig schadenfroh, dass der Tadel sie nicht getroffen hatte und Robert zuckte zusammen. Er stand langsam auf und stotterte. „Dr. Schneider, ich ... ich...“!

„Ich weiß, sie haben wieder einmal geträumt. Wo waren wir denn diesmal, Herr Müller? Deutsch-Südwest, Sedan, Kaiserparade oder im wilden Kurdistan?“

Die Mitschüler lachten erneut. Dr. Schneider drehte sich mit einer raschen Bewegung zur Klasse, die Finger in den Seitentaschen seiner grauen Weste.

„Sie brauchen gar nicht so hämisch zu lachen, meine Herren, sie sind auch nicht besser.“ Er legte eine Pause ein, in der er sich umsah, während er seinen Kneifer absetzte, um die Schüler strafend anzublicken.

„Aber sie haben Glück,“ fuhr er nach der kurzen Pause fort, „für sie tragen täglich Männer an allen Fronten ihre Haut zu Markte und opfern in einem heroischen Kampf, ihr Leben für Kaiser und Vaterland. Für solche Typen, wie sie es sind.“

Das Lachen erstarb und alle Schüler sahen betreten und verlegen auf ihre Tische.

„Setzen sie sich bloß wieder hin, Robert, und vor allem in den letzten Wochen vor dem schriftlichen Abitur noch auf ihren faulen A....!“ Er brach den Satz ab und setzte seinen Kneifer wieder auf.

Die Mitschüler unterdrückten ein erneutes Lachen und glucksten nur leise vor sich hin. Dr. Schneider drehte sich um und nahm an Pult Platz. Er sah über seinen Kneifer die Klasse ernst an und schüttelte sichtlich erschüttert mehrfach den Kopf.

„Kramarz, wo waren wir letzte Stunde stehen geblieben? Können sie sich wenigstens noch daran erinnern?“ Seine Frage hatte einen verzweifelten, fast bittenden Unterton. Dr. Schneider nahm den Kneifer ab und hielt ihn in der Hand, den Kopf leicht im Nacken, das Kinn vorgeschoben. Die Schulglocke ertönte und erlöst standen die Oberprimaner auf. Noch nie waren sie ihrem Pedell für das Läuten so dankbar, wie heute.

„Meine Herren, da haben sie noch einmal Glück gehabt. Sehen sie sich bis morgen die Texte an. Sie sollten sich ein Beispiel an den Spartanern unter ihrem Führer Leonidas nehmen, der mit einer kleinen Gruppe von Kriegern die Enge bei den Thermophylen gegen die erdrückende Übermacht der Perser unter Xerxes lange gehalten hatte und die Spartaner durch schließlich nur durch Verrat geschlagen wurden. Das ist Heldenmut, so wie er jetzt an allen Fronten täglich vorkommt und unsere Soldaten über sich hinaus wachsen, im heroischen Kampf mit den Feinden des Vaterlandes.“

Dr. Schneider stand auf, setzte den Kneifer auf die Nase und nahm seine Aktentasche. Langsam ging er zur Tür und schüttelte noch einmal missbilligend den Kopf. Die Oberprimaner standen langsam und erleichtert auf.

„Auf Wiedersehen Dr. Schneider,“ ertönte es überfreundlich im Chor, doch Dr. Schneider winkte ärgerlich ab.

„Ach was!“ brummte er und verließ den Klassenraum mit einem ärgerlichen Gesicht. Die Oberprimaner folgten ihm langsam in gebührendem Abstand und setzten ihre Schülermützen auf, an deren Farbe man schon von weitem sehen konnte, welcher Klassenstufe sie angehörten.

Auf dem Schulhof spielten die Schüler der unteren Klassen Fangen. Die Schüler der Oberprima standen in kleinen Gruppen und diskutierten.

„Wir sollten uns wirklich freiwillig melden. Dr. Schneider hat Recht, andere tragen für uns ihre Haut zu Markte,“ warf Franz ein und nagte an seiner Unterlippe.

Der dicke Wilhelm biss noch einmal von seinem Pausenbrot ab und sprach mit vollem Mund: „Bist du blöd, so kurz vor dem Abitur. Ich bin doch kein Spartaner.“

„Wenn die Franzosen den Krieg gewinnen, nützt dir ein deutsches Abitur sowieso nichts,“ parierte Franz etwas überheblich.

„Wieso?“, fragte Wilhelm immer noch kauend.

„Mensch, Dicker, dann brauchst du ein Baccalaureat! Aber bei deinen Leistungen in Französisch!“ Friedrich brach den Satz ab.

Wilhelms Gesichtsfarbe wechselte von einem Schweinchenrosa in ein Purpurrot.

„Nun halt mal die Luft an und mach dich nicht so wichtig.“ Wilhelm biss erneut von seinem Pausenbrot ab und kaute mit vollen Backen.

„Bisher ist noch nichts verloren. Die Fronten sind erstarrt,“ kommentierte Reinhard mit ernster Miene.

„Klar, in einen Grabenkrieg!“ fügte Robert hinzu, „genau wie 70/71 in Sedan.“

„Quatsch! Sedan war kein Stellungskrieg und kein Grabenkrieg,“ fuhr Franz dazwischen. Wilhelm betrachtete seine Stulle.

„Die Franzmänner werden trotzdem verlieren.“

„Deshalb sollten wir uns melden, ehe der Krieg vorbei ist,“ hakte Franz eifrig nach.

Friedrich machte ein bekümmertes Gesicht.

„Franz hat Recht. Wir sollten uns melden. Pfeif auf das Abitur.“

„Wenn wir uns freiwillig melden, kommen wir in die gleiche Einheit.“ Reinhard versuchte mit diesem Einwand die Übrigen zu motivieren. Er blickte von Einem zum Anderen.

„Mensch, das ist doch keine Klassenfahrt. Wie stellt ihr euch das überhaupt vor?“ Robert versuchte die Anderen zu bremsen.“ Und wer sagt das überhaupt, dass wir in die gleiche Einheit kommen?“

„Ich habe das gehört. In der Parallelklasse, der Oberprima römisch Zwo, haben sich auch schon Einige freiwillig gemeldet.“ Reinhard zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es von Dietrich, Johannes und Rudi.“

„Welcher Dietrich?“, fragte Robert interessiert.

„Na, der Dietrich Knebel, der so gut Fußball spielen kann.“ Robert sah ihn fragend an.

„Na, der Dietrich, der letztes Jahr in der Aula die Abiturrede gehalten hat.“

„Ach, den meinst du.“ Robert nickte verstehend.

„Und wie bringen wir das unseren Eltern bei?“ Wilhelm hörte auf zu kauen.

„Ganz einfach, wir stellen sie vor vollendete Tatsachen! Wer macht mit?“ Reinhard hatte etwas von einem Verschwörer an sich als alle anderen Jungen wie aus einem Mund riefen:

 „Wir alle!“ Die übrigen Schüler hielten inne und betrachteten die Oberprimaner mit einem kritischen oder zweifelnden Gesichtsausdruck.

„Die haben sie ja nicht alle,“ meinte ein kleiner Tertianer oder Sekundaner und tippte sich mit dem Finger an die Stirn.

Die Oberprimaner bemerkten davon alledem nichts. Sie bildeten einen Kreis und legten die Hände übereinander und schworen,

„Einer für alle, alle für Einen!“

Wilhelm stimmte, nachdem er genussvoll seine Stullen verputzt hatte, leise das Lied „Lieb Vaterland magst ruhig sein,“ an. Die Anderen stimmten lautstark mit ein und so standen die Oberprimaner auf dem Schulhof im Kreis und sangen.

Die Schüler der unteren Klassen betrachteten kopfschüttelnd die Oberprimaner und tuschelten. Die Schulglocke beendete die Hofpause und alle, bis auf die Gruppe Oberprimaner, strebten dem Tor des Schulhauses zu, wo der Pedell schon wartete, um hinter ihnen abzusperren.

Robert, Wilhelm, Franz, Friedrich und Reinhard sahen sich noch einmal nach dem Schulgebäude um und verließen das Schulgelände durch das große schmiedeeiserne Tor. Sie gaben übermütig dem Türflügel eine Stoß und die Tür fiel laut scheppernd ins Schloss. Gutgelaunt, sich laut neckend, liefen sie die Straße entlang. Auf der anderen Straßenseite lief die Oberprima aus dem Lyzeum. Die Mädchen sahen vorsichtig, fast schüchtern herüber. Jeder der Jungen versucht auf sich aufmerksam zu machen durch Winken oder Blicke - vergebens. Die Damen, die in Reih und Glied, geführt von einer Lehrerin mit Hut und Stehkragen, marschierten, sahen wieder stur geradeaus und die Jungen waren enttäuscht.

„Hühner,“ bemerkte Franz abschätzig. „Was will man von Hühnern auch anderes erwarten.“

Die Jungen liefen weiter die Straße entlang und würdigten die jungen Damen keines Blickes mehr, die in Richtung Lyzeum abbogen.

Eine Militärkapelle kam ihnen entgegen, gefolgt von einer Kolonne marschierender Soldaten. Viele Passanten blieben am Straßenrand stehen und sahen den Soldaten zu. Kinder liefen auf den Gehwegen parallel zu den Soldaten und versuchten den Marschschritt zu imitieren.

Die Menge rief euphorisch „ Hoch, hoch, hoch“ und „Es lebe unsere Majestät, unser Kaiser.“

Ein Feldwebel und die vor ihm marschierenden Offiziere grüßten, indem sie die Hände an die Pickelhauben legten und lächelnd salutierten. Die Soldaten hatten die Gewehrläufe mit Blumen dekoriert.

Die Jungen warteten eine Weile und versuchten dann die Straße zwischen den Kolonnen zu überqueren. Ein Schutzmann hielt sie verärgert zurück

„Halt!“ Seine Aufforderung anzuhalten kam laut und schneidend. „Ihr seid wohl nicht gescheit! Was fällt euch ein, durch die Marschordnung unserer tapferen Soldaten zu rennen zu wollen?“

Er strich sich den nach oben gezwirbelten Oberlippenbart zu Recht und sah die Jungen zornig an.

„Verzeihen sie Herr Wachtmeister, wir wollten nur auf die andere Straßenseite,“ versuchte Wilhelm die Situation zu erklären.

„Habt ihr keine Augen im Kopf?“, schnauzte der Schutzmann, dabei sah er die Jungen finster an und deutete auf die marschierenden Kolonnen.

„So etwas von Unvernunft. In eurem Alter solltet ihr schon das Hirn einschalten.“

Er drehte sich kopfschüttelnd zur Seite, verschränkte die Hände, die in weißen Handschuhen steckten auf dem Rücken und wandte sich verärgert ab. Einige Passanten hatten die Szene beobachtet und schüttelten ebenfalls verständnislos die Köpfe. Die Jungen sahen sich schuldbewusst an. Als die letzte Abteilung vorbeigezogen war, überquerten sie die Straße.

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Letzte Aktualisierung: 29.07.2010 12:57:03

Letzte Inhaltliche Überarbeitung: 11.12.2009 10:52:45

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