Die Briefpost

1.2.2   Die Briefpost

Grundsätzlich läßt sich die Kommunikation per Brief (stellvertretend auch für andere Postsendungen) auf eine ganz ähnliche Struktur abbilden wie die Telefonie. An die Stelle des Telefons tritt hier der in Form, Beschriftung und Frankierung grob vorgegebene Brief selbst, die Schnittstelle zum Übermittlungssystem stellt auf Absenderseite ein Briefkasten oder ein Postamt, auf Empfängerseite der Hausbriefkasten oder ebenfalls ein Postamt (z.B. mit Postfach) dar. Zwischen den beiden Schnittstellen befindet sich wiederum ein “Netz”, beispielsweise die Infrastruktur der Deutschen Post AG oder eines anderen Kurierdienstes. Genau wie bei der Telefonie sorgt diese Infrastruktur für die Realisierung der Kommunikation, d.h.

  • daß ein Adressat durch Angabe des Namens und der Anschrift identifiziert werden kann,

  • daß beliebige Inhalte in Briefen versandt werden können und diese auf dem Weg vertraulich behandelt werden (sollen) (Postgeheimnis) und

  • daß bei Bedarf weitere Leistungen (etwa die persönliche Aushändigung eines Briefes, eine Empfangsbestätigung, eine Nachnahmezahlung usw.) erbracht werden.

Die vereinfachte Struktur der Briefbeförderung ist in Abbildung 4 dargestellt. Für die folgenden Betrachtungen wollen wir vernachlässigen, daß die Briefpost potentiell unterschiedliche Schnittstellen für Absenden und Empfang von Briefen anbieten kann (und von Kurierdiensten, die Briefe abholen und anliefern, ganz abgesehen).

Abbildung 4. Grundstruktur der Briefbeförderung

Auch hier sind die Interna dieser Infrastruktur für den Nutzer des Postdienstes weitgehend unbedeutend. Lediglich die letzte Leerung eines Briefkastens für die minimale Postlaufzeit (z.B. Auslieferung am nächsten Werktag) ist im allgemeinen von Interesse. Wie die Briefkästen geleert werden, über welche Zwischenstationen die Post befördert wird, wo die Sammel- und Verteilzentralen liegen, (in Grenzen) welche Transportwege und Verkehrsmittel zur Beförderung genutzt werden usw., ist unerheblich. Auch läßt sich prinzipiell ein Post- bzw. Kurierdienstleister durch einen anderen ersetzen.

Da es beim Postdienst weitaus weniger technische Parameter zu betrachten gibt als beim Telefonnetz, wollen wir es hiermit bei den allgemeinen Ausführungen belassen und uns statt dessen einem Vergleich zwischen Telefonie und Postdienst auf abstrakter Ebene zuwenden.

Für diesen Vergleich wollen wir die weitaus größere zeitliche Verzögerung bei der Übermittlung einer Briefnachricht vernachlässigen und annehmen, daß sich ein interaktives Gespräch auch durch den schnellen wechselseitigen Austausch von Briefen führen läßt, statt abwechselnd in ein Telefon zu sprechen. Dann lassen sich die folgenden grundlegenden konzeptuellen Unterscheidungen zwischen der Telefonie und der Briefpost feststellen:

  • Bei der Briefpost werden die zu übermittelnden Informationen in diskreten Einheiten (eben den Briefen) versandt; der Inhalt zweier Briefe ist gegeneinander abgegrenzt. Bei der Telefonie hingegen besteht ein kontinuierlicher Fluß von Informationen durch die Telefonverbindung.

  • Briefe werden nur dann verschickt, wenn auch Informationen mitzuteilen sind; andernfalls wartet der Absender mit einem neuen Brief. Sobald eine Telefonverbindung besteht, fließen Informationen kontinuierlich. Sagt einer der Gesprächspartner nichts (und das ist bei den meisten Konversationen abwechselnd der Fall), so werden nur Hintergrundgeräusche übermittelt, die in den meisten Fällen keine sinnvollen Inhalte vermitteln.

  • Jeder Brief wird für sich genommen adressiert, auch wenn jeden Tag zehn Briefe an denselben Adressaten versandt werden. Beim Telefonat wird nur einmal zu Beginn des Anrufs der Empfänger angewählt, der weitere Informationsfluß folgt dann dem dabei vorgegebenen Weg.

  • Briefe können in verschiedene Richtungen entlang unterschiedlicher Wege transportiert werden, und der Transport kann unterschiedlich lange dauern. Aus Sicht des Übertragungsmediums liegen zwei unidirektionale Kommunikationsbeziehungen vor, die völlig unabhängig voneinander sind. Die Telefonverbindung ist in beide Richtungen dieselbe, jedes gesprochene Wort unterliegt derselben Verzögerung.

  • Briefe werden zusammen mit vielen anderen Briefen gemeinsam auf demselben Weg transportiert, was bei hohem Briefaufkommen (etwa vor Weihnachten) dazu führen kann, daß Briefe kurzzeitig liegen bleiben, bevor sie zugestellt werden — was zu unterschiedlich langen Postlaufzeiten führt. Eine Telefonverbindung, einmal geschaltet, steht den beiden Teilnehmern ausschließlich zur Verfügung.

Es lassen sich sicherlich noch weitere Unterschiede auf dieser abstrakten Ebene finden, die wesentlichen, für die Betrachtung der Kommunikationstechnik relevanten sind damit jedoch genannt. Neben den Unterschieden fallen jedoch auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf, insbesondere bezüglich der zu treffenden globalen Festlegungen, um internationalen Briefverkehr zu ermöglichen. Hierzu zählen bei der Briefpost unter anderem,

  • daß ein allgemein gültiges Format eingehalten wird, wo Absender und wo Adressat auf einem Brief angegeben werden und wie die Adresse intern strukturiert ist,

  • daß eindeutige Ländernamen (bzw. teilweise auch Ländercodes) und innerhalb dieser wiederum eindeutige Postleitzahlen verwendet werden, damit jeder Empfänger auch global eindeutig adressierbar ist, und

  • daß Prozeduren (Orte, Verantwortlichkeiten, Abläufe usw.) für die Übergabe zwischen den Postdiensten verschiedener Länder definiert sind und was eine Seite bei der Übergabe von der jeweils anderen bezüglich der Weiterbeförderung erwartet.

In der Telefonie und auch bei der Briefpost sind also ganz ähnliche Strukturen des Kommunikations“systems” vorzufinden: in beiden Fällen gibt es eine Infrastruktur zur Informationsbeförderung (ein Netz). Eine Zugangsschnittstelle gestattet die Abstraktion von den Interna dieses Netzes und bietet den Nutzern eine Menge von Leistungsmerkmalen an.

Diese Gemeinsamkeiten wie auch die Unterschiede lassen sich, wie wir in den Lerneinheiten 2 und 3 sehen werden, in der Kommunikationstechnik wiederfinden. Insbesondere finden wir später auch Netztechnologien, die von ihrer Architektur her eher dem Telefonnetz ähneln, und solche, die eher mit den Konzepten der Briefpost vergleichbar sind (mehr dazu dann in den Lerneinheiten 3, 5 und 6).