Bekenntnis zu einem humanistischen Lebenskonzept

7.2 Bekenntnis zu einem humanistischen Lebenskonzept

Ich habe nicht die Vorstellung von einem Gott, der über mir steht und mir dereinst das ewige Leben schenken wird, sofern ich mich denn dieser Gnade überhaupt würdig erwiesen hätte. Ich habe die Erkenntnis meiner endgültigen Sterblichkeit akzeptiert und versuche beziehungsweise versuchte, dieses eine Leben so zu gestalten, dass ich es später rückblickend als zufriedenstellend, in manchen Lebensphasen vielleicht sogar als erfüllt im schönsten Sinne des Wortes betrachten kann. Wenn es mir darüber hinaus immer mal wieder gelungen sein sollte, anderen Menschen zur Verbesserung ihrer Lebenssituation und zu mehr Freude in ihrem Leben verholfen zu haben, dann hätte ich das Gefühl, im Rahmen der mir gegebenen Möglichkeiten ein Leben geführt zu haben, das eine gewisse Bedeutung gehabt hat.

Nun muss ich allerdings gestehen, dass ich nach einem fast Dreivierteljahrhundert gelebten Lebens in der Situation bin, inzwischen mehr zurück als nach vorn zu schauen. Insofern kann ich vieles von dem, was ich bisher über ein sinnvolles und erfülltes Leben gesagt habe, gar nicht mehr selbst umsetzen. Ich denke, dass dies der Tatsache geschuldet ist, in einer Zeit zu leben, in der die alten, wie selbstverständlich christlich-kirchlich bestimmten Lebenskonzepte noch wirken, während die neu aufkeimenden, sich davon emanzipierenden und durch wissenschaftliche Erkenntnisse geprägten Modelle noch nicht genügend entwickelt oder bekannt waren, um als Alternativen zur Verfügung zu stehen. Viel zu spät ist mir dieser Umstand klar geworden. Menschen der kommenden Generationen werden es leichter haben, sich der Aufgabe bewusst zu werden, dass sie selbst ihrem Leben Sinn geben und sich daher frei machen müssen von ungewollt übernommenen traditionellen Vorgaben. Mir bleibt nur übrig, mich in der verbleibenden Zeit nach einem Lebenskonzept auszurichten, das den oben entwickelten grundsätzlichen Einsichten so weit wie möglich gerecht wird.

Konkret sehe ich ein solches Lebenskonzept im Humanismus formuliert, der in seiner neuzeitlichen Form ein wissenschaftlich fundiertes Menschenbild mit einer diesseitig begründeten Ethik verbindet und dessen Leitprinzip die Selbstbestimmung ist. Der Humanismus der Aufklärung war philosophisch-geisteswissenschaftlich ausgerichtet und entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit der christlichen Lehre. Der sich formierende neue Humanismus begründet seine Auffassungen über das menschliche »Sein und Sollen« weniger aus der Gegnerschaft zu Kirche, Christentum und Religion allgemein, sondern leitet zum einen seine Vorstellungen aus den Erkenntnissen der heutigen Naturwissenschaften, speziell der Kosmologie, Evolutionsbiologie, Genetik und Hirnforschung ab. Zum anderen liegen seinem Moral- bzw. Ethikkonzept nicht mehr die angeblich metaphysisch vorgegebenen Kategorien »gut«, »böse« oder »schuldig« zu Grunde, sondern solche, die unmittelbar an den realen, tatsächlichen Interessen und Bedürfnissen der Menschen orientiert sind.

Das in Kapitel V, 3 »Ist Moral ohne Gott möglich?« dargestellte Prinzip Fairness mit den Beurteilungskriterien »fair« beziehungsweise »unfair« bei der Lösung von Interessenkonflikten, die zwischen Menschen natürlicherweise bestehen, scheint mir ein sehr gelungener, dem Menschen gerecht werdender Ansatz zu sein. Im Zentrum meines humanistischen Konzepts steht jedenfalls für mich der Satz, der in den Ohren vieler Menschen wie eine Provokation klingen mag, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei und nicht eine vermeintlich über uns stehende jenseitige Instanz.

Nun könnte man einwenden, dass das Fairness-Prinzip mit seinen Kriterien »fair« und »unfair« ebenso willkürlich gesetzt sei wie das oben abgelehnte Schuldprinzip, das aus den Kriterien »gut« und »böse« folgt. Der Einwand ist berechtigt, tatsächlich ist auch diese Setzung willkürlich erfolgt. Auch der Satz, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, ist lediglich die Spiegelung der Behauptung, dass ein göttliches Gesetz die oberste Richtschnur menschlichen Verhaltens sei. Es ist daher an dieser Stelle notwendig, sich darüber klar zu werden, wie menschliche Normen, Gesetze und Verhaltensregeln zu Stande kommen: Sie werden in der Tat gesetzt beziehungsweise gefordert oder aus übergeordneten, ebenfalls gesetzten Normen und Regeln abgeleitet. Sind sie deshalb willkürliche Setzungen? Ja und nein. Sie sind insofern willkürlich, als sie letztlich nicht logisch oder wissenschaftlich bewiesen oder widerlegt werden können wie zum Beispiel ein mathematischer Satz oder ein physikalisches Gesetz. Sie müssen dennoch nicht beliebig sein, weil sie mit dem Anspruch - ebenfalls eine Setzung! - verknüpft sein können, unmittelbar einsichtig und in ihren Konsequenzen zustimmungsfähig zu sein.

Wir können uns das am Beispiel der so genannten Menschenrechte verdeutlichen. Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« ist 1948 von den Vereinten Nationen verkündet und damit Grundlage des heute gültigen Völkerrechts geworden. Der Grundgedanke dieser Erklärung kommt gleich in den ersten drei Artikeln zum Ausdruck, dass nämlich

»alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind« (Artikel 1),

und zwar »ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand« (Artikel 2),

und »jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person« (Artikel 3).

Allgemeine Menschenrechte wurden erstmals in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 formuliert. Dort heißt es ebenso bestimmend:

»Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind.« (Anm. 6)

Bemerkenswert erscheint mir, dass schon damals das »Streben nach Glückseligkeit« als ein selbstverständliches Menschenrecht angesehen wurde.

Betrachtet man diese beiden Menschenrechts-Erklärungen näher, so wird man feststellen, dass sie lediglich Forderungen und Bekenntnisse darstellen. Diese können nicht bewiesen, sie können nur verlangt oder behauptet werden. Trotzdem hat man das ausgeprägte und sichere Gefühl, dass man ihnen spontan zustimmen kann, ja zustimmen muss, so einleuchtend, so nachvollziehbar, so wünschenswert sind sie in ihren Konsequenzen. Ich sehe in diesem intuitiv erfolgenden Einverständnis einen Hinweis darauf, dass die Evolution uns mit der elementaren Veranlagung ausgestattet hat, in dem Anderen ein Wesen zu sehen, das mit den gleichen Bedürfnissen und Interessen auf der Welt ist wie ich selbst. (Die Tatsache einer moralischen Grundausstattung als Ergebnis der Evolution kam ja bereits in dem eben schon erwähnten Kapitel V, 3 »Ist Moral ohne Gott denkbar?« zur Sprache!)

Die ethisch-moralische Komponente des Humanismus gründet ebenfalls auf Forderungen, die gesetzt wurden aufgrund unmittelbar einsichtiger Überlegungen und übrigens meist bitterer Lebenserfahrungen. Es sind gewissermaßen Letztbegründungen, die ihrerseits nicht weiter begründet werden können, sondern die Basis für Begründungen darstellen. Lediglich an ihren Folgerungen wird erkennbar, ob sie dem angestrebten Ziel eines menschenwürdigen Zusammenlebens dienlich sind. Dieses Ziel ist wiederum auch eine Setzung. Es rechtfertigt sich aber dadurch, dass es sich um ein in der Natur des Menschen angelegtes, ganz grundlegendes Verlangen handelt.

Da ethisch-moralische Forderungen nur gesetzt und letztlich nicht begründet, allenfalls einsichtig und zustimmungsfähig gemacht werden können, ist es aus Gründen der anzustrebenden Übersichtlichkeit und Widerspruchsfreiheit sinnvoll, möglichst grundlegende und möglichst wenige solcher Forderungen aufzustellen. Diesen Versuch hat zum Beispiel Michael Schmidt-Salomon unternommen und folgende - wie er sie nannte - Humanistische Basis-Setzung formuliert:

»Alle Menschen sind gleichberechtigt und frei in ihrem Streben, ihre individuellen Vorstellungen vom guten Leben im Diesseits zu verwirklichen, sofern dadurch nicht die gleichberechtigten Interessen anderer in Mitleidenschaft gezogen werden, und es ist die unaufkündbare Aufgabe eines jeden Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Kräften dazu beizutragen, dass möglichst wenigen (im Idealfall: niemandem) die Inanspruchnahme dieses fundamentalen Rechts versagt bleibt.« (Anm. 7)

Diesen Satz setzt er als wahr und universell gültig, er kann nicht bewiesen und soll auch nicht weiter zurückgeführt werden, er fungiert gewissermaßen als »moralisches Axiom« (Letztbegründung). Kommentierend fügt Schmidt-Salomon hinzu:

»Aus dem Recht, dem Anspruch auf die Möglichkeit der Verwirklichung individueller Lebenskonzepte, einem Recht, das für alle gilt, erwächst auch eine Pflicht, die für alle gelten muß: Der radikale Humanismus der Neomoderne verpflichtet den Menschen dazu, nicht nur Rücksicht auf die gleichberechtigten Ansprüche anderer zu nehmen, sondern auch nach Kräften verändernd tätig zu werden, wenn erkennbar ist, daß die Rechtsansprüche anderer ungerechtfertigt durch direkte, strukturelle oder kulturelle Gewalt bedroht werden.«

Zu betonen ist mit Schmidt-Salomon zweierlei: 1. Eine solche Form humanistischer Ethik macht ihre Letztbegründung, auf der sie aufbaut, bewusst sichtbar, damit »einsehbar«, aber im Zweifel auch diskutier- und kritisierbar. 2. Ethik ist nichts Heiliges und Unantastbares mehr - im Gegensatz zur herkömmlichen Moral, die vermeintlich im als absolut gesetzten Göttlichen gründet und damit als heilig und unantastbar gilt - sondern wird zu einem Instrumentarium des ehrlichen und fairen Miteinanderumgehens, das unter veränderten Umständen erforderlichenfalls auch revidiert werden kann.

Der Mensch muss sich also seine ethischen Normen und Regeln selbst geben. Die »Amerikanische Unabhängigkeitserklärung« und die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« haben gezeigt, dass das funktioniert und dass man dabei auf große allgemeine Zustimmung treffen kann. Die Missbilligung von kirchlicher Seite an der angeblichen Selbstherrlichkeit des Menschen lautet, dass »eine solche Ethik sich nur noch an den tatsächlichen oder mutmaßlichen Interessen orientiere, die ein Mensch habe«. (Anm. 8) Von einem Humanisten würde das eher nicht als Kritik aufgefasst, sondern als Bestätigung des Grundsatzes, dass der Mensch - immer mit Blick auf die Verantwortung auch für den Anderen - das Maß der Dinge sei und nicht eine behauptete, nicht erkennbare Instanz über uns.

Der hier skizzierte Humanismus versteht sich somit als eine weltliche Alternative zur Religion, als eine Weltanschauung, die ohne Priester und Propheten auskommt, kein angeblich von Gott diktiertes heiliges Buch kennt, ihr Wissen über die Welt und den Menschen aus den Naturwissenschaften gewinnt, sich von überkommenen, metaphysischen Moralvorstellungen löst, stattdessen ethische Normen an den fundamentalen Bedürfnissen und Interessen der Menschen orientiert. Wie schon öfters festgestellt, bezeichnet sich etwa ein Drittel(!) der Bundesbürger als konfessionslos. Sehr viele von ihnen praktizieren eine humanistische Lebensweise, in vielen Fällen jedoch lediglich aus Unkenntnis ohne ausdrücklichen Bezug auf humanistische Prinzipien der eben geschilderten Art. Gefragt danach würden sie sich vielleicht als Atheisten bezeichnen oder als Agnostiker, also als jemand, der die Frage nach Gott als nicht entscheidbar ansieht. Sie alle gehören zu jener großen Zahl von Menschen, die im öffentlichen Bewusstsein aufgrund der ungerechtfertigt dominierenden medialen Präsenz der Kirchen die Rolle einer angeblich zu vernachlässigenden Randgruppe spielen müssen, dennoch inzwischen in Wissenschaft, Literatur und nicht zuletzt im Kulturteil anspruchsvollerer Zeitungen höchst aktiv sind.

1993 haben sich verschiedene Verbände zu einer bundesweiten Interessenvertretung der Konfessionslosen in Deutschland zusammengeschlossen und den »Humanistischen Verband Deutschlands (HVD)« gegründet. Der HVD versteht sich als eine nicht-religiöse Alternative zu den christlichen Kirchen. Entsprechend dem anspruchsvoll gesetzten Ziel existiert ein umfangreiches und alle Lebensbereiche und Lebensstationen abdeckendes Angebot an Dienstleistungen, das von Kindertagesstätten über Sozialstationen, Beratungsstellen, betreutem Wohnen bis zum Beispiel zur Sterbebegleitung reicht. Der HVD betreibt zwei Humanistische Akademien und andere wissenschaftspädagogische Einrichtungen und gibt die Vierteljahresschrift »Diesseits - Zeitschrift für Humanismus und Aufklärung« heraus. Im Bundesland Berlin nehmen zur Zeit etwa 47 000 Schüler am Humanistischen Lebenskundeunterricht teil, der alternativ zum Religionsunterricht angeboten wird, für weitere Bundesländer bestehen Planungen. In Berlin und Bayern sind - analog zu den kirchlichen Schulen - »Humanistische Schulen« geplant. (Anm. 9) Das Missfallen, das diese hier nur auszugsweise wiedergegebenen Aktivitäten in christlich-religiösen Kreisen auslöst, lässt sich an den politischen, juristischen und nicht zuletzt kirchlichen Widerständen und Schikanen ablesen, die besonders im süddeutschen Raum zu beobachten sind.

Neben dem HVD wären beispielsweise noch zu nennen der »Deutsche Freidenker-Verband (DFV)« und der »Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA)«, hinzu kommen noch eine Vielzahl weiterer, meist kleinerer Verbände, die ebenfalls der Religion und ihren Erscheinungs- und Lebensformen ablehnend gegenüber stehen. Die religionskritische »Giordano Bruno Stiftung«, der zahlreiche bekannte Wissenschaftler, Philosophen und Künstler angehören, ist nach ihren eigenen Worten »eine Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung« und verfolgt das Ziel, »die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik/Politik zu entwickeln und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen«. Die »Humanistische Union (HU)« - sie versteht sich allerdings mehr als Bürgerrechtsorganisation - nimmt sich u.a. des Themas Trennung von Staat und Kirche an und kritisiert in diesem Zusammenhang besonders die üppigen kirchlichen Privilegien und Subventionen sowie den kirchlichen Religionsunterricht an staatlichen Schulen.

So wichtig gesellschaftspolitische, soziale oder beispielsweise pädagogische Aktivitäten zur Verbreitung humanistischen Gedankenguts auch sind, entscheidend bleibt das, was inhaltlich und ganz lebenspraktisch einem kirchlich-christlich bestimmten Leben entgegenzusetzen ist. Michael Schmidt-Salomon, ein sehr produktiver Autor und rühriger Anwalt des so genannten neuen Humanismus, hat sein »Credo« - worauf hier schon wiederholt hingewiesen wurde - in seinem Buch »Manifest des evolutionären Humanismus« niedergelegt. Am Ende dieser Schrift formuliert er »Die Zehn Angebote des evolutionären Humanismus«, von denen ich einige und auszugsweise zitieren möchte, weil sie auch meine Auffassung wiedergeben und dies in lebensnaher und verständlicher Sprache.

»1. Diene weder fremden noch heimischen ›Göttern‹ ..., sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupteten, besonders nah ihrem ›Gott‹ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst hat, braucht keine Religion!

2.Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten! Du ... solltest respektieren, dass jeder Mensch - auch der von dir ungeliebte! - das Recht hat, seine individuellen Vorstellungen von ›gutem Leben (und Sterben) im Diesseits‹ zu verwirklichen, sofern er dadurch nicht gegen die gleichberechtigten Interessen Anderer verstößt.

4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten - es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen! Wer in der Nazidiktatur nicht log, sondern der Gestapo treuherzig den Aufenthaltsort jüdischer Familien verriet, verhielt sich im höchsten Maße unethisch - im Gegensatz zu jenen, die Hitler durch Attentate beseitigen wollten, um Millionen von Menschenleben zu retten. Ethisches Handeln bedeutet keineswegs, blind irgendwelchen moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern in der jeweiligen Situation abzuwägen, mit welchen positiven oder negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.

5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens! Es gibt in der Welt nicht ›das Gute‹ und ›das Böse‹, sondern bloß Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Lernerfahrungen. Trage dazu bei, dass die katastrophalen Bedingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche ›Bestie‹ Homo sapiens zeigen kann.

9. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben! Sei dir deiner und unser aller Endlichkeit bewusst, verdränge sie nicht, sondern ›nutze den Tag‹ (Carpe diem)! Gerade die Endlichkeit des individuellen Lebens macht es so ungeheuer kostbar! Lass dir von niemandem einreden, es sei eine Schande, glücklich zu sein! Im Gegenteil: Indem du die Freiheiten genießt, die du heute besitzt, ehrst du jene, die in der Vergangenheit im Kampf für diese Freiheiten ihr Leben gelassen haben!

10. Stelle dein Leben in den Dienst einer ›größeren Sache‹, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en! Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz. Es scheint so, dass Altruisten die cleveren Egoisten sind, da die größte Erfüllung unseres Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf Andere liegt. Wenn du dich selbst als Kraft im ›Wärmestrom der menschlichen Geschichte‹ verorten kannst, wird dich das glücklicher machen, als es jeder erdenkliche Besitz könnte. Du wirst intuitiv spüren, dass du nicht umsonst lebst und auch nicht umsonst gelebt haben wirst.« (Betonung durch Kursivdruck und Unterstreichung so im Original!) (Anm. 10)

Schmidt-Salomon vertritt einen naturalistisch-atheistischen Humanismus, der in mancherlei Hinsicht mit der klassischen Philosophie bricht. Ein viel stärker der Tradition verpflichtetes Konzept von Humanismus stellt zum Beispiel Joachim Kahl (*1941) in seinem Buch »Weltlicher Humanismus - Eine Philosophie für unsere Zeit« vor. (Anm. 11) Er hält den Kontakt zur klassischen Philosophie, verteidigt den herkömmlichen Begriff von Willensfreiheit und bleibt bei den konventionellen Begriffen »gut« und »böse«. Insofern mag er zunächst auf breitere Akzeptanz stoßen. Das Spektrum möglicher humanistischer Konzepte und Lebensentwürfe ist also sehr breit gefasst. Beide genannten Autoren allerdings vertreten eine klare atheistische Position.

Humanismus, wie ich ihn und viele andere mit mir verstehen, ist also ein diesseitsorientiertes und ethisches Lebenskonzept. Danach hat jeder Mensch das Recht auf Selbstbestimmung in einem ganz umfassenden Sinn, auch am Ende seines Lebens. Selbstbestimmung verlangt aber immer auch die Berücksichtigung der gleichberechtigten Interessen der Mitmenschen, auch der weltanschaulich anders orientierten, sofern sie umgekehrt die gleiche tolerante Haltung aufbringen. Selbstbestimmung und Selbstverantwortung einerseits und Achtung vor den Interessen des Anderen und Solidarität mit den Anderen anderseits bilden somit die Rahmenbedingungen, innerhalb der zum Beispiel die allgemein anerkannten Menschenrechte zu verwirklichen sind.

Dabei besteht ein ganz wesentliches Ziel des Humanismus darin, die Lebensverhältnisse hier im Diesseits zu humanisieren, insbesondere Leid zu vermindern. Die Wissenschaften spielen dabei eine entscheidende Rolle. Ihre Erkenntnisse gelten als unverzichtbarer Beitrag zur Verbesserung der heute vorgefundenen physischen und psychischen Situation der Menschen. Da wissenschaftliche Erkenntnisse Ergebnisse der logisch geordneten Erfahrung sind und nicht aus angeblich geoffenbarten, ewig gültigen Wahrheiten abgeleitet wurden, sind ihre Aussagen überprüfbar und ihre praktischen Konsequenzen kritisierbar, sie beanspruchen also nie absolute Gültigkeit. Dabei bleiben die Erforschung und die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse immer an ethische Normen gebunden; denn nicht alles, was logisch und technisch möglich ist, ist immer auch sinnvoll und wünschenswert.

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