Kurs: eBusiness-Entwicklung für kleine und mittelständische Unternehmen

1.7.1 Abgrenzung kleiner und mittelständischer Unternehmen

In der Literatur existiert keine weitgehend anerkannte, einheitliche Abgrenzung der KMU (vgl. hierzu und zum Folgenden Pfohl 1997, S. 12ff). Dies liegt u.a. daran, dass der Mittelstand sehr heterogen ist und kaum nach einheitlichen Kriterien differenzierbar ist.
Prinzipiell lassen sich quantitative und qualitative Abgrenzungskriterien unterscheiden.

Quantitative Abgrenzung

Als quantitatives Abgrenzungskriterium wird meistens die Messung der Betriebsgröße herangezogen. Üblicherweise werden dabei Merkmale zur Messung der Einsatzmengen und -werte elementarer Produktionsfaktoren, des Kapitaleinsatzes oder der Leistungsmengen und -werte verwendet. Für die Anwendung dieser Kriterien spricht die Eindeutigkeit, die leichte Messbarkeit und die damit verbundene leichte Vergleichbarkeit. Daher werden sie häufig zugrundegelegt. So findet in Deutschland z.B. eine Klassifizierung nach Beschäftigtenzahl und Jahresumsatz statt:

  • kleine Unternehmen: bis zu 9 Beschäftigten und Jahresumsatz von unter 511.292 €
  • mittelständische Unternehmen: 10 bis 499 Beschäftigte und einen Jahresumsatz zwischen 511.292 € und 51,13 Millionen €.

In der EU wird zusätzlich das Kriterium der Unabhängigkeit herangezogen. Danach dürfen KMU nicht zu mehr als 25 % im Besitz von Großunternehmen sein.
Eine Abgrenzung nach quantitativen Kriterien birgt jedoch die Gefahr, dass andere wichtige Faktoren wie z.B. Branchenspezifika nur unzureichend berücksichtigt werden. So ist ein Industrieunternehmen mit 30 Mitarbeitern im Branchenvergleich eher klein, während eine Arztpraxis mit 30 Mitarbeitern eine überdurchschnittlich große Praxis ist. Daher sind zusätzliche -qualitative- Abgrenzungskriterien erforderlich.

Qualitative Abgrenzung

Die qualitative Abgrenzung erfolgt meist auf der Basis von Merkmalskatalogen, die unternehmensgrößenbedingte Unterschiede in den einzelnen unternehmerischen Wertschöpfungsbereichen aufzeigen. Sie lassen sich meist auf zwei grundlegende Eigenschaften der KMU zurückführen:

  • die zentrale Stellung des Unternehmers durch die sehr häufig gegebene Überschneidung von Eigentum und Geschäftsleitung
  • die begrenzte Unternehmensgröße, auf Grund der KMU im Vergleich zu Großunternehmen nur begrenzte Ressourcen aufweisen.

Abb. 1.4 zeigt einen typischen Merkmalskatalog im Überblick. Bei der Verwendung dieses Katalogs sollte jedoch klar sein, dass diese Kriterien natürlich nicht für alle KMU gelten können und es durchaus möglich ist, dass bestimmte Unternehmen in einigen Bereichen typische Merkmale aufzeigen, in anderen Felder nicht. Derartige Merkmalskataloge sollten daher relativ flexibel gehandhabt werden; sie können lediglich Hinweise auf die Zuordnung geben.

Klein- und Mittelbetriebe Großbetriebe
Beschaffung
Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen
  • schwache Position am Beschaffungsmarkt
  • häufig auftragsbezogene Materialbeschaffung
  • starke Position am Beschaffungsmarkt
  • überwiegend auftragsunabhängige Materialbeschaffung, abgesichert durch langfristige Verträge mit Liferanten
Beschaffung von Personal
  • geringe Anzahl von Beschäftigten
  • Beschäftigung weniger Akademiker
  • vergleichsweise hohe Arbeitszufriedenheit
  • hohe Anzahl von Beschäftigten
  • Beschäftigung von hoch qualifizierten Personal
  • geringe Arbeitszufriedenheit
Beschaffung von Kapital
  • oft im Familienbesitz
  • kein Zugang zum anonymen Kapitalmarkt, dadurch nur begrenzte Finanzierungsmöglichkeiten
  • keine unternehmensindividuelle, kaum allgm. staatliche Unterstützung in Krisensituationen
  • hohe Fremdkapitalfinanzierungskosten
  • in der Regel breit gestreuter Besitz
  • ungehinderter Zugang zum Kapitalmarkt, dadurch vielfältige Finanzierungsmöglichkeiten
  • unternehmensindividuelle, staatliche Unterstützung in Kriesenzeiten wahrscheinlich
  • tendenziell geringere Finazierungskosten
Interne Prozesse
Organisation
  • auf den Unternehmer ausgerichtetes Einliniensystem, von ihm selbst oder mit Hilfe weniger Führungspersonen bis in die Einzelheiten überschaubar
  • Funktionshäufung
  • kurze, direkte Informationswege
  • starke persönliche Bindungen
  • hohe Flexibilität
  • kaum Koordinationsprobleme
  • personenunabhängig an den sachlichen Gegebenheiten orientierte komplexe Organisationsstruktur
  • Arbeitsteilung
  • vorgeschriebene Informationswege
  • geringe persönliche Bindungen
  • geringe Flexibilität
  • große Koordinationsprobleme
Produktion
  • geringe Kostendegression mit steigender Ausbringungsmenge
  • starke Kostendegression mit steigender Ausbringungsmenge
Vertrieb
Absatz und Marketing
  • Deckung kleindimensionierter individualisierter Nachfrage in einem räumlich und/oder sachlich schmalen Marktsegment
  • Wettbewerbsstellung sehr uneinheitlich
  • wenig ausgeprägte Marketing- Denkweise
  • Deckung großdimensionierter Nachfrage in einem räumlich und/oder sachlich breiten Marktsegment
  • gute Wettbewerbsstellung
  • stark ausgeprägtes Marketing- Bewusstsein

Abb. 1.4: Merkmalskatalog für KMU

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