Lernen ohne Lehrer

6 Was uns die Lernforschung zu sagen hat

Theorie mag manchmal trocken wirken, sie kann aber auch helfen, Dinge besser zu verstehen und zum richtigen Handeln anzuleiten. Fragen wir uns also, was uns die Lern- bzw. Gedächtnisforschung sagen kann.

Was die Theoretiker zum Behalten herausgefunden haben, lässt sich mit wenigen Worten auf den Punkt bringen:

Wir behalten am besten, was uns interessiert, was wir mit schon Bekanntem in Beziehung setzen können und womit wir uns wiederholt beschäftigt haben.

Theoretische Untersuchungen zeigen uns also, aber auch die eigene Erfahrung bestätigt es immer wieder, dass wir am besten behalten,

  1. was wir mit Interesse und Anteilnahme wahrnehmen,

  2. mit bekanntem Wissen vergleichen oder sinnvoll verknüpfen können

  3. und wiederholt in möglichst verschiedenen Formen zur Kenntnis nehmen.

Aus dieser Einsicht folgt, dass drei ineinander greifende Bedingungen erfüllt sein sollten, wenn ein bestimmtes Wissen uns dauerhaft zur Verfügung stehen, also den Weg in unser Langzeitgedächtnis finden soll:

  1. Wir müssen uns mit Interesse und innerer Anteilnahme der Sache widmen.Der erste Schritt zu mehr Interesse an der Sache sind Fragen an den Lehrstoff. Je mehr wir „mit dem Herzen dabei“ sind, desto stärker die in uns wirkende Motivation, etwas Bestimmtes wissen oder können zu wollen, um so gespannter hören wir zu, um so gezielter fragen wir nach. Die Motivation wiederum ist davon abhängig, wie bedeutsam uns subjektiv die Sache erscheint. Aber auch Gefühle wie Freude oder Ärger (z.B. nach mehreren, zunächst vergeblichen Versuchen!) festigen das neue Wissen, weil es eingebettet ist in emotional besetzte Assoziationen, Erfahrungen, Erlebnisse.

    Beispiel 1 Interesse und Anteilnahme

    Der Fußballfan hört die Ergebnisse der Bundesliga einmal im Radio, freut sich über den Erfolg „seines“ Vereins, schmunzelt über die Niederlage des Konkurrenten - und kann alle Ergebnisse auf Nachfrage wiedergeben!

    Wir können uns angeblich keine Telefonnummer merken, aber die ziemlich lange Handy-Nummer der neuen angehimmelten Freundin merken wir uns ganz schnell!

    Motivation aufbauen und Interesse entwickeln kann man vor allem durch Erkennen der Wichtigkeit, Notwendigkeit, Nützlichkeit, Aktualität des Themas für Studium und Berufspraxis.

  2. Wir müssen das neue Wissen mit schon bekanntem Wissen in Beziehung setzen und in den größeren Zusammenhang einordnen. Das bloße Durchlesen eines Textes genügt nicht. Es gilt, Kernaussagen herauszufiltern und schriftlich festzuhalten, nach Beispielen zu suchen, die neuen Einsichten anzuwenden auf berufspraktische Fälle, Analogien zu ähnlichen Aussagen herzustellen, Fragen an den Stoff zu stellen.

    Besonders Fragen haben den Effekt, den Stoff weiter „aufzubrechen“ und mit dem, was wir schon wissen, in Verbindung zu bringen: Warum ist das so? Wie geht das? Welche Konsequenzen hat das? Was ist meine Meinung dazu? Bildlich gesprochen: Auf diese Weise lässt sich das neue Wissen besser „verankern“.

    Beispiel 2 Neues Wissen mit bekanntem Wissen in Beziehung setzen

    Der Fußball-Fan merkt sich die Ergebnisse der Bundesliga-Vereine, mindestens jedoch Sieg oder Niederlage eines Vereins, nach einmaligem Hören deswegen so leicht, weil er sofort assoziiert, ob das Ergebnis zu erwarten war oder überraschend ist, weil er den jeweiligen Verein in seinen Stärken und Schwächen kennt, weil er ein bestimmtes Ergebnis erhofft oder befürchtet hat. Alle diese Informationen und begleitenden Emotionen stützen das Gedächtnis.

  3. Wir müssen das neu erworbene Wissen durch Wiederholen festigen. Wissen festigen heißt, die Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis befördern. Das kann in verschiedenen Formen erfolgen: Wiedergeben mit eigenen Worten, den Sachverhalt einem anderen erklären, verbale oder zahlenmäßige Darstellungen in Bilder oder Grafiken umsetzen, Suchen und Beantworten von offen gebliebenen Fragen, Vorteile des neuen Verfahrens nennen, Lösen von Übungsaufgaben, Anwenden des neuen Wissens auf praktische Fälle.

    Die Festigung des Wissens gelingt um so mehr, je öfter ein Sachverhalt zur Sprache kommt und je mehr Sinne beim Lernen angesprochen werden. Das heißt, in Abständen wiederholtes Lernen, das mit praktischem Tun verbunden ist (z.B. Eintippen eines selbstverfassten Textes zum Thema oder mündliches Vortragen vor anderen), ist in der Regel am erfolgreichsten.

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