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Ozeanische Affekte

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Samoa firmiert prominent im globalen kulturellen Gedächtnis. Hier hat Robert Louis Stevenson die letzten Jahre seines Lebens verbracht. Margaret Mead hat an diesem Ort sexualanthropologische Studien durchgeführt. Samoa war aber auch von 1900 bis 1914 deutsche Kolonie. Als sich das Kaiserreich des Archipels bemächtigte, rechtfertigte Außenminister Bernhard von Bülow die Staatsaktion mit dem Affektionswert der Inselgruppe für Deutschland.

Dieses Buch zeigt, wie sich der deutsche ozeanistische Diskurs engagiert im Projekt einer Akkumulation des emotionalen Werts von Samoa. Zu diesem Zweck wertet der Autor dieser Studie eine Fülle von Archivmaterialien und Texten aus der deutschen Kolonialliteratur aus. Die Diskursanalyse rekonstruiert ein emotionales Regime, das Samoa auf der einen Seite mit einer rhetorischen Strategie der Erotisierung überzieht, die auf Meads Forschung vorausweist. Auf der anderen Seite zeigt diese Untersuchung, dass sich dieses Regime um eine Kontrolle der überbordenden ozeanischen Gefühle von Kolonisatoren bemüht, indem es das sexuelle aus dem kolonialen Begehren für die ‚Perle der Südsee‘ abspaltet. Während der exotistische Diskurs Samoa als einen Raum der Hybridität modelliert, kultiviert der koloniale Diskurs zunehmend einen Habitus von Herrenmenschen, der Hybridisierung instinktiv verwerfen soll. An dieser Stelle rückt das koloniale Projekt in eine brisante Nähe zu den rassenhygienischen Vorstellungen der Nazis.

In die Analyse einbezogen werden nicht nur Texte bislang weitgehend unbeachteter Autoren wie Carl Eduard Michaelis, sondern auch die Samoa-Literatur des relativ bekannten Schriftstellers Erich Scheurmann. Beide Autoren zeugen von der Nähe der Lebensreform-Bewegung der Jahrhundertwende zum Kolonialismus. Darüber hinaus erweisen sich ihr emotionaler und ihr Denkstil als anfällig für den Faschismus. Ins deutsche kollektive Gedächtnis hat sich Samoa vor allem über Scheurmanns Papalagi-Buch (1920) eingeschrieben. Die Untersuchung verortet diesen Literaten in der Autorengruppe, die sich dem Kolonialrevisionismus verschrieben hat und auf das Phänomen der Hybridität mit Degenerationsparanoia reagiert. Abschließend diskutiert dieses Buch die Wiederentdeckung Samoas in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bei Autoren wie Alex Capus und Friedrich Kröhnke.

Inhalt

  • Ozeanische Affekte
    • Vorwort
    • 1 Der ‚Affektionswert‘ Samoas
      • 1.1 Ozeanische Gefühle im ozeanistischen Diskurs
      • 1.2 Samoa-Literatur als Interdiskurs. Autoren und Quellen
    • 2 Die präkoloniale Formierung des Samoa-Diskurses
      • 2.1 Die Fiktionalisierung der Kontaktszene
        • 2.1.1 Carl Friedrich Behrens ‚poetische Beschreibung‘ des Kontakts von 1722
        • 2.1.2 Barbarische Bestien oder edle Wilde? Der Konflikt mit Lapérouse
      • 2.2 Die Tropenkolonie als nationales Prestigeprojekt
        • 2.2.1 Affektmoderation durch Wissenschaft. Die Firma Godeffroy in Wörishöffers Roman Das Naturforscherschiff (1880)
        • 2.2.2 Der ‚ideale Wert‘ der Kolonien. Die Kultivierung des Nationalbewusstseins in Benkards Inselwelt-Roman (1889)
      • 2.3 Die Samoaner als infame Rebellen
        • 2.3.1 Der militärische Konflikt im Dezember 1888. Von Otto Elsters Roman Majana (1893) zur kolonialen Propagandaliteratur
        • 2.3.2 Der Artilleriebeschuss im samoanischen Opfergedächtnis
    • 3 Die Erotisierung Samoas
      • 3.1 Von Tahiti nach Samoa. Eine diskursive Verschiebung
        • 3.1.1 Die Konnotationen der polynesischen Gastfreundschaft
        • 3.1.2 Otto Ehlers als Gast auf der ‚Perle der Südsee‘
        • 3.1.3 Der Kolonialismus auf Samoa als Hybridisierungsprojekt
      • 3.2 Der Mythos der sexuellen Freizügigkeit
        • 3.2.1 Das Bildprogramm des sexuellen Exotismus
        • 3.2.2 Ekstase und Obszönität. Die Tänze der Samoaner
        • 3.2.3 Die tropische Auszeit in Hans Bethges Samoa-Novelle Satuila und ich (1912)
      • 3.3 Die taupou als Allegorie Samoas
        • 3.3.1 Die samoanische taupou als deutsche Variante der vahiné von Tahiti
        • 3.3.2 Das sexuelle Abenteuer. Richard Deeckens taupou-Novelle Tofa (1902)
        • 3.3.3 Die Liebesflucht mit der taupou. Erich Langens Roman Toloa (1919/1951)
    • 4 Die koloniale Biopolitik
      • 4.1 Solfs Position zur ‚Rassenmischung‘
        • 4.1.1 Der Gouverneur und die Problematisierung der ‚Kanaker-Wirtschaft‘
        • 4.1.2 Die koloniale Machtfrage
        • 4.1.3 Das Mischehenverbot des Kolonialministers
      • 4.2 Deeken als Repräsentant des Siedlungskolonialismus
        • 4.2.1 Koloniale Ökonomie. Die Arbeiterfrage als Schlüsselproblem
        • 4.2.2 Deekens Roman Rassenehre (1913) und das Mischehenverbot
        • 4.2.3 Das Schreckbild der ‚Mischlingsflut‘
      • 4.3 Der Fall des Lebensreformers Michaelis
        • 4.3.1 Die hybride Revolution
        • 4.3.2 Die ‚Mischlingsbrut‘ im ‚Kolonialsumpf‘
        • 4.3.3 Scheurmanns literarischer Kommentar zum Fall Michaelis
    • 5 Kolonialrevisionismus
      • 5.1 Die Verankerung Samoas im kollektiven Gedächtnis
        • 5.1.1 Die deutsche Frau als ‚Trägerin der Kulturmission‘ bei Frieda Zieschank
        • 5.1.2 Die koloniale Kernfamilie in Zieschanks Ein verlorenes Paradies (1923/24)
        • 5.1.3 Die Schuld der neuseeländischen Kleptokratie?‚Konzentrationslager‘ und mumifizierte ‚Leichen‘ in Erich Düsterdiecks Die gestohlene Insel (1941)
      • 5.2 Purifizierung und Arisierung Samoas
        • 5.2.1 Der Mischling als ‚Schädling‘ in Willy Seidels Buschhahn (1921)
        • 5.2.2 Die Arisierung Samoas in der imaginären Anthropologie
        • 5.2.3 Die arische taupou in Emil Reches Kifanga (1924/1938)
      • 5.3 Interkulturelle Abjektion. Scheurmanns Samoa-Erlebnis
        • 5.3.1 Das Modell Nuku und Five To ´one aus Apia
        • 5.3.2 Die Rivalität der weißen und der samoanischen Frau in Ilse und Paitea (1919)
        • 5.3.3 ‚Triebsichere Ablehnung‘ von Hybridität in Zweierlei Blut (1936)
      • 5.4 Scheurmanns Kritik der Papalagi als Kolonisatoren
        • 5.4.1 Das ozeanische Gefühl im Papalagi (1920)
        • 5.4.2 Die Ironisierung des Papalagi als Lichtbringer (1928)
        • 5.4.3 Mörder oder Freiheitskämpfer? Der Fall Sitivi
    • 6 Eine postkoloniale Gegenwartsliteratur?
      • 6.1 Der geteilte Himmel über Samoa
        • 6.1.1 Herbert Nachbars Weg nach Samoa (1976) als blockierte Fluchtlinie
        • 6.1.2 Die Deportation der Kontraktarbeiter aus Waltraud Lewins Samoa (2005)
      • 6.2 Auf Schatzsuche in Stevensons Samoa
        • 6.2.1 Vailima als Leuchtturm im Dschungel (1999) in Sabine Büssings biographischem Roman
        • 6.2.2 ‚Samoanische‘ Geldwäsche in Capus‘ Reisen im Licht der Sterne (2005)
        • 6.2.3 Kröhnkes Samoa (2005) als Modellierung eines imaginären homoerotischen Raums
    • 7 Ozeanische Affekte und ihre koloniale Kontrolle
    • 8 Verzeichnisse
      • 8.1 Primärliteratur
      • 8.2 Sekundärliteratur
      • 8.3 Abbildungen
    • 9 Summary