Rechnungswesen mit Beispielen aus Lexware und DATEV

9.1.1 Zum Begriff der Investition

Jeder von Ihnen verbindet sicher mit dem Begriff „Investition“ eine ganz bestimmte Vorstellung. Sind Sie jedoch gezwungen, in ganz knapper Form diesen Begriff möglichst allgemein zu definieren, würde das Resultat dieser Definitionsbemühungen verschiedener Personen deutlich unterschiedlich ausfallen. Sie sollten an dieser Stelle zunächst einmal - nur für sich selbst - „Ihre“ Vorstellung vom Wesen der Investition notieren. Im Verlaufe der Darlegungen können Sie dann überprüfen, wie nahe (oder weniger nahe) Sie dem Wesen der Investition gekommen sind.

Generell kann festgestellt werden: Obwohl die Betriebswirtschaft bemüht ist, sich auf eindeutig definierte Begriffe zu gründen, ist dies hinsichtlich des Investitionsbegriffs nicht gelungen.

Im Grunde geht es hierbei um den Prozess, aus vorhandenem Kapital (ursprünglich und auch heute praktisch Geldkapital) mehr Geld zu gewinnen. Für alle Unternehmen - außer Banken - bedeutet dies, folgenden Prozess zu realisieren:

Geld -> nichtmonetärer Vermögensgegenstand -> mehr Geld

Mit anderen Worten: Vorhandenes Geldkapital muss in einen Zustand überführt werden, der kein Zahlungsmittel darstellt; dieser nicht monetäre Gegenstand wird in der Zeit genutzt und erbringt entweder im Verlaufe der Nutzung oder zum Ende der Nutzungszeit den beabsichtigten Effekt: aus vorhandenem Geld mehr Geld zu machen.

Ganz allgemein kann man den Begriff der Investition definieren als die bewusste Inkaufnahme eines sicheren Nachteils in der Gegenwart zugunsten eines unsicheren künftigen Vorteils.

Versuchen Sie unbedingt, sich dies plastisch vorzustellen: Sie verfügen in der Gegenwart über sichere finanzielle Mittel, die Sie für den Konsum verwenden könnten. Sie verzichten auf den sicheren heutigen Vorteil, wandeln dieses Geld in einen nichtmonetären Vermögensgegenstand um in der Erwartung (oder auch: Hoffnung), in der Zukunft aus den dadurch gewonnenen Geldmitteln einen höheren Konsum zu realisieren. Haben Sie dies voll verstanden, dann haben Sie den zentralen Inhalt des Investitionsbegriffs erfasst.

In Unternehmen sind verschiedene Arten von Investitionen unterscheidbar; wir wollen uns mit zwei Gliederungsaspekten befassen: Einteilung der Investitionen nach der Art der nichtmonetären Vermögensgegenstände, in die investiert wird, und nach der Wirkung, die Investitionen auf die betrieblichen Leistungsprozesse ausüben.

Unterscheidung nach der Art der nichtmonetären Vermögensgegenstände

[Vgl. dazu Olfert3]

  1. Sachinvestitionen sind unmittelbar am betrieblichen Leistungsprozess beteiligt: Maschinen, Ausrüstungen, Immobilien usw. Hier entstehen Auszahlungen und Ausgaben (Was war denn noch der Unterschied zwischen beiden Begriffen? Lesen Sie notfalls noch mal in Kapitel 3 nach!). Als Aufwand und Kosten erscheinen Sachinvestitionen in der Form der Abschreibungen.

  2. Finanzinvestitionen bestehen in einer Ansammlung von Wertpapieren im Anlagevermögen sowie in einem Wachstum der Beteiligungen an anderen Unternehmen. Für die eigentliche Betriebstätigkeit sind diese Investitionen im Allgemeinen nicht erforderlich.

  3. Immaterielle Investitionen zielen darauf, die Wettbewerbssituation der Unternehmung zu stärken oder zu sichern, indem Rechte erworben (Patente, Lizenzen, Nutzungs-, Bezugs- und Lieferrechte) oder andere produktive immaterielle Faktoren erworben werden wie Investitionen in die Weiterbildung[2] der Arbeitnehmer oder in Forschung und Entwicklung.

    Investitionen in die Weiterbildung werden allerdings entsprechend der klassischen Wirtschaftslehre als Konsumausgaben angesehen. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass mit dem Begriff des Konsums ein Kapitaleinsatz verstanden wird, der nicht zur Erweiterung der Bedürfnisbefriedigung beiträgt, kommt in der Gegenwart den Bildungsausgaben ein ausgesprochen investiver Charakter zu. Mehr zu dieser Problematik in: [Paschke, S. 98 ff]

Einteilung der Investitionen nach ihrer Wirkung auf die Leistungsprozesses des Betriebes

[Vgl. dazu Seidel1, S. 55ff]

  1. Nettoinvestitionen: Dazu zählen alle Investitionen, die im Unternehmen erstmalig vorgenommen werden und so den Produktionsapparat vergrößern oder erweitern. Insbesondere wird in der Volkswirtschaft der Bestand an Sachkapital (Kapitalstock) in Höhe der Nettoinvestitionen vergrößert. Dazu gehören

    • Gründungsinvestitionen, die im Zusammenhang mit der Gründung oder dem Kauf einer Unternehmung stehen.

    • Erweiterungsinvestitionen, die das Volumen dauerhafter Produktionsmittel vergrößern (Ausrüstungsinvestitionen wie Maschinen und Fahrzeuge, Bauinvestitionen sowie Rationalisierungsinvestitionen zur Modernisierung technischer Anlagen).

    • Lagerinvestitionen vergrößern die Bestände an nicht dauerhaft im Unternehmen verbleibenden Produktionsmitteln (Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, noch nicht verkaufte eigene Erzeugnisse, Warenerstausstattung im Handel)

  2. Reinvestitionen dienen der Erhaltung des vorhandenen Produktionsapparats durch den Ersatz seiner verschlissenen Bestandteile. Aus dem Rechnungswesen kennen Sie die Abschreibungen, die ja gerade der Wertausdruck der Abnutzung vorhandener Anlagegüter durch ihre Wirkung im betrieblichen Leistungsprozess sind.

Für alle folgenden Darlegungen soll der Investitionsprozess mit der ersten Auszahlung für die Anschaffung der einzelnen Investitionsobjekte beginnen.

Es folgen laufende Auszahlungen im Zusammenhang mit der produktiven Nutzung der Objekte (Löhne, Gehälter, Materialverbrauch, Reparaturleistungen usw.). Durch die Nutzung des Investitionsgutes wird nach und nach sein Wert auf die neu geschaffenen Güter verteilt; über den Umsatzprozess fließt so das in den Investitionsgütern gebundene Kapital sukzessive in Form von Einzahlungen zurück.

Die letzte Einzahlung kann beim Verkauf des weitgehend vernutzten Objekts als Liquidationserlös erfolgen, soweit noch ein wirtschaftlich nutzbarer Restwert vorhanden ist. Der Investitionsprozess endet immer mit einer Desinvestition, die u.U. zusätzlichen Aufwand erfordert.

Grafisch lässt sich der grundsätzliche Verlauf eines Investitionsprozesses wie folgt darstellen (nach [Olfert3, S. 25)]:

Abb 144 Verlauf eines Investitionsprozesses

Im Rahmen dieses Grundkurses wollen wir uns in den nachfolgenden Ausführungen beschränken auf:

  • Sachinvestitionen; Finanzinvestitionen und Investitionen in immaterielle Vermögensgegenstände werden nicht untersucht.

  • Nettoinvestitionen; der Ersatz bereits vorhandener Güter des Anlagevermögens durch andere soll ausdrücklich nicht untersucht werden.

Grundsätzlich werden nur Einzelentscheidungen betrachtet. Das sind Entscheidungen über einzelne Investitionsobjekte; Entscheidungen über ganze Programme sind im Rahmen dieses Grundkurses nicht vermittelbar.

Kommentare (0)

Ihr Kommentar

Name