Allgemeine Volkswirtschaftslehre

3.1.4 Klassische Theorie und Keynesianismus

Insgesamt können sieben Kriterien identifiziert werden, anhand derer sich die Unterschiede zwischen klassischer Theorie und Keynesianismus festmachen lassen:

  1. Zeitliche Perspektive

    Der erste und wohl auch bedeutendste Unterschied zwischen klassischer Theorie und Keynesianismus besteht in der zeitlichen Perspektive. Die Zeitspannen, in denen die klassische Theorie gesamtwirtschaftliche Prozesse untersucht, sind langfristig ausgelegt. Demgegenüber widmet sich die Theorie von Keynes der Untersuchung kurzfristig wirksamer Zusammenhänge. Zwar werden in der klassischen wie auch in der keynesianischen Theorie keine exakten zeitlichen Angaben gemacht, welche Zeiträume als kurzfristig und welche als langfristig einzustufen sind, allerdings wird aus den noch folgenden Ausführungen deutlich, in welchen Dimensionen sich diese Unterscheidung abspielt. Die weiteren Unterschiede zwischen Klassik und Keynesianismus leiten sich zu einem bedeutenden Teil aus dieser Abweichung hinsichtlich der zu Grunde gelegten zeitlichen Perspektive ab.

  2. Untersuchungsgegenstand

    Die beiden Ansätze beschäftigen sich aufgrund der unterschiedlichen zeitlichen Perspektive auch mit unterschiedlichen Untersuchungsgegenständen: Während sich die klassische Theorie aufgrund ihrer längerfristigen Orientierung vorwiegend mit Analysen des Wirtschaftswachstums befasst, untersucht die Theorie nach Keynes schwerpunktmäßig konjunkturelle Entwicklungen.

  3. Flexibilität der Preise und Löhne

    In der Theorie der Klassik werden alle Preise und Löhne als vollkommen flexibel betrachtet. Märkte werden in der Theorie der Klassik als vollkommen, d.h. insbesondere als frei von Regularien und Beschränkungen definiert. Der Wettbewerbsmechanismus ist voll funktionsfähig. Ergeben sich auf einem solchen makroökonomischen Markt Angebots- oder Nachfrageveränderungen, so kann sich ein neues markträumendes Gleichgewicht quasi unendlich schnell einstellen. Die Theorie von Keynes sieht demgegenüber Preise und Löhne, zumindest kurzfristig, als inflexibel (auch als starr oder rigide bezeichnet) an.

  4. Dominante Marktseite

    Sowohl klassische Theorie als auch Keynesianismus gehen von der Annahme aus, dass eine der beiden Marktseiten die jeweils andere dominiert. Allerdings unterschieden sich die beiden Theorien auch hier grundlegend. Wenngleich unter dem Begriff "klassische Theorie" eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle zusammengefasst werden, so existiert doch ein Ansatz, den nahezu alle Ökonomen der Klassik als richtig erachtet haben: Das so genannte Saysche Theorem. Auf die knappste Formel gebracht besagt dieses Theorem: Jedes Angebot schafft sich selbst seine eigene Nachfrage. Die Begründung, welche hierfür angegeben wird, ist, dass niemand Güter anbieten wird, wenn er nicht auch selbst Güter nachfragen möchte. Das gesamte durch Produktion entstandene Einkommen wird vollständig nachfragewirksam. Güter werden letztlich immer mit anderen Gütern bezahlt. Diese Ansicht resultiert aus dem klassischen Verständnis des Geldes. Geld wird in der Klassik nur als eine Art "Schmiermittel" betrachtet, als "Schleier", der das reale Wirtschaftsgeschehen verdeckt: Geld erleichtert das Wirtschaftsleben zwar, ist selbst aber neutral. Da gemäß dem Sayschen Theorem die Nachfrage erst eine Folge des Angebots ist, ist die dominante Marktseite in der klassischen Theorie demzufolge die Angebotsseite. Die dominante Nachfrageseite in der keynesianischen Makroökonomik ist demgegenüber die Nachfrageseite. Keynes ist der Ansicht, dass die effektive Nachfrage entscheidend für die Höhe des Angebots und damit wiederum für die Nachfrage nach Arbeitskräften ist. Das Angebot passt sich laut Keynes einer vorgegebenen Nachfrage an.

  5. Marktvertrauen und Staatseingriffe

    Ein weiterer Unterschied zwischen Klassik und Keynesianismus stellt das "Vertrauen" der beiden Theorien in den Marktmechanismus dar. Infolge des Sayschen Theorems gehen die klassischen Ökonomen davon aus, dass sämtliche makroökonomischen Märkte immer geräumt werden: Auf allen Märkten funktioniert der Preismechanismus vollkommen, in Fällen von Ungleichgewichten stellen sich neue, markträumende Gleichgewichte ohne Verzögerung wieder ein. Die Klassik vertraut demnach dem Marktmechanismus, die Klassiker sind „Marktoptimisten“. Staatliche Eingriffe lehnen die Vertreter der Klassik ab, da sie nur das Wirken der "invisible hand" behindern würden, welche die Märkte wieder zum Gleichgewicht führt. Die keynesianische Theorie vertraut demgegenüber dem Marktmechanismus nicht. Die Keynesianer sind „Marktpessimisten“. Keynes konnte in seiner Theorie zeigen, dass sich in einer Volkswirtschaft durchaus stabile makroökonomische Gleichgewichte herausbilden können, welche auf dem makroökonomischen Güter- und Arbeitsmarkt nicht mit Markträumung, sondern mit Überangebot und Unterbeschäftigung einhergehen. Aus einer solchen Situation kann sich eine Volkswirtschaft alleine nicht befreien. Die Anhänger der keynesianischen Theorie befürworten daher staatliche Eingriffe.

  6. Konsolidierung des Staatshaushalts

    Aus den unterschiedlichen Meinungen hinsichtlich staatlicher Interventionen resultieren auch die unterschiedlichen Ansichten der Vertreter der beiden Theorien bezüglich der Konsolidierung des Staatshaushalts. Die Vertreter der Klassik sind der Ansicht, der Staat hätte nur für die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen zu sorgen, um die Funktionsfähigkeit des Wettbewerbsmechanismus zu gewährleisten. Eine solche staatliche Tätigkeit ist gut planbar und mittels eines vorgegebenen Budgets zu erreichen. Die Klassiker lehnen staatliche Haushaltsdefizite daher als nicht begründbar ab. Die Anhänger der keynesianischen Theorie vertreten demgegenüber die Ansicht, dass Haushaltsdefizite durchaus auftreten können und sollen. Initiiert der Staat beispielsweise Konjunkturprogramme, in deren Rahmen er die Staatsausgaben erhöht um zusätzliche Nachfrage zu generieren, so kann es durchaus sinnvoll sein, wenn er sich hierfür für einige Zeit verschuldet. Diese Argumentation soll allerdings nicht eine permanente Staatsverschuldung legitimieren. Die keynesianische Intention ist vielmehr die, dass in den auf eine Rezession folgenden Zeiten der Konjunktur die Steuereinnahmen über den Staatsaugaben gehalten werden, um das konjunkturell bedingte Haushaltsdefizit wieder auszugleichen.

  7. Interdependenz der makroökonomischen Märkte

    Die klassischen Ökonomen betrachten Geld nur als einen "Schleier" über der realen Wirtschaft, der zwar das Wirtschaften erleichtert, selbst aber keinen Einfluss auf das reale Wirtschaftsgeschehen hat. Somit kann Geld, das im klassischen Verständnis von den Wirtschaftssubjekten einzig zu Tauschzwecken gehalten wird, keinen Einfluss auf den makroökonomischen Gütermarkt ausüben. Ebenso hat der Gütermarkt keinen Einfluss auf den Geldmarkt. Diese Trennung des makroökonomischen Geldmarktes vom markoökonomischen Gütermarkt wird auch als die klassische Dichotomie bezeichnet. Genau diese klassische Dichotomie lehnt Keynes jedoch ab. Seiner Ansicht nach stehen Geld- und Gütermarkt in enger Beziehung zueinander. Der Fall, in dem Geld- und Gütermarkt gänzlich voneinander unabhängig sind, stellt seiner Auffassung nach nur einen Spezialfall seiner allgemeinen ("general") Theorie dar.

Kommentare (3)

Moe am 06.05.2014 14:58:31

Sehr gut zusammengefasst und kurz aber einleuchtend erläutert.
Eine schöne Übersicht über die grundlegenden Unterschiede zwischen der Keynesianisch und der Neoklassisch orientierten Wirtschaftspolitik.

Islom am 13.12.2014 11:59:20

Die Unterschiede werden kurz und klar erklärt. Aber es fehlt leider die Beispiele.

Hilke am 16.01.2015 15:44:22

sehr gut erklärt, kurz und pregnant! Bietet eine gute Übersicht.
jedoch denke ich auch, dass der 7. Punkt ein Beispiel erfordert, da dieser, meiner Meinung nach, nicht ganz so leicht verständlich ist wie die Anderen.

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